RIED, SCHÖRFLING. 2. August 1995, 20.15 Uhr, Rieder Stadion: Herwig Drechsel legt sich nach einem Foul an Goran Stanisavljevic den Ball halbrechts zurecht und schießt mit dem linken “Zauberfuß” auf das lange Eck. Rapid-Torhüter Michael Konsel ist geschlagen, aber ein Rapid-Spieler kann den Ball noch irgendwie vor der Linie klären. Der Ball kommt zu Michael Angerschmid, der vor einem Rapid-Spieler im Strafraum zum Ball kommt. Von halbrechts flankt er zum heranstürmenden Rechtsverteidiger Roland Krammer, der den Ball aus der Luft nimmt und unter die Latte schießt. Krammer, damals 29 Jahre alt, läuft nach links weg und rutscht gemeinsam mit mehreren Mitspielern auf dem Bauch in Richtung Stehplatztribüne. In der 60. Minute ist Ried gegen den haushohen Favoriten Rapid mit 1:0 in Führung gegangen. Pavel Mraz erhöht sieben Minuten später auf 2:0, der Anschlusstreffer der Wiener durch Peter Stöger kurz vor Schluss ändert nichts mehr an der Sensation, die von den rund 10.000 Fans frenetisch gefeiert wird.
Bild: Reuters
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Bild: Reuters
“Es war einfach unglaublich! Dieses Spiel war ja legendär. Die Szene, also das Tor von Roland Krammer, wird für immer in Erinnerung bleiben”, sagt Klaus Roitinger, der die SV Ried von der Landesliga bis in die Bundesliga führte und bis heute als “Vater des Rieder Fußballwunders” bezeichnet wird. “Wir hatten das Gefühl, dass das Stadion explodiert”, sagen Roitinger und sein ehemaliger Schützling.
Roitinger und Krammer trafen sich diese Woche an der alten Wirkungsstätte, um über diesen historischen Tag der Vereinsgeschichte zu sprechen. Die Umarmung ist herzlich, die beiden haben sich länger nicht gesehen, davon ist aber nichts zu merken, ganz im Gegenteil. Krammer, schon zu Zeiten seiner aktiven Karriere eine Frohnatur, erinnert sich an das Tor mit einem Schmunzeln: “Wenn ich jetzt 30 Jahre später daran denke, war es eigentlich eine verzwickte Situation. “Ich war ja schon als Kind ein extremer Rapid-Fan. Als die Flanke hereingekommen ist, musste ich mich entscheiden: Entweder ich hau den Ball rein und ziehe mir den Unmut der Rapid-Fans zu oder ich schieß ihn drüber und kriege Probleme mit dem Trainer. Dann habe ich mir gedacht, es ist gescheiter, ich hau ihn rein.” Angesprochen auf den Jubel, lacht Krammer und antwortet: “Meine Knie sind noch immer aufgeschürft, aber das war es wert.”